Der Winter, der kein Winter ist


Obwohl Anfang November in Ostpreußen der vergangene Winter sich mit den üblichen Stürmen und auch etwas Kälte und ganz leichtem Schneefall ankündigte, stellt sich das europäische „Mixwetter“ auch dort ein. Was ist denn eigentlich so außergewöhnlich an dieser Wettersituation – handelt es sich um eine extreme Ausnahme?

Mit dem menschlichen Wettergedächtnis ist das so eine Sache. Im Gedächtnis jedes Menschen bleibt meist etwas nur haften, wenn es sich um herausragende Ereignisse handelt. Wetterereignisse in der Kindheit – also für die meisten von uns in der Heimat – sind, wenn es sich um besonders große Kälte mit zugefrorener See, oder große Hitze, mit lang anhaltendem gutem Badewetter etc. handelte, im Gedächtnis geblieben. Der größte Teil des Wetters ist in Vergessenheit geraten, so dass man glaubt, wir hatten in der Heimat eigentlich immer nur ganz kalte Winter mit viel Schnee und wunderschöne, warme Sommer mit viel „Hitzefrei“. Doch dem war nicht so!

Wenn heute so sehr der „Klimawandel“ beschworen wird, dann lohnt es sich einen Blick in die alten Wetteraufzeichnungen zu werfen. Abgesehen davon, dass es sich nicht um Klimawandel, sondern um „Wetterwechsel“ handeln kann, wird von den z. T. selbsternannten Klimapropheten meist vergessen. Das „Wetter“ liefert sozusagen die Bausteine des Klimas. Für das Wetter ausschlaggebend ist vor allem der Luftdruck, denn dieser entscheidet schließlich, ob ein „Hoch“ oder „Tief“ das Wettergeschehen beherrscht und aus welcher Richtung die Winde wehen, die die Luftmassen zu uns heran transportieren. Doch das noch weiter auszuführen würde zu viel Platz einnehmen und hier soll auch keine wissenschaftliche Abhandlung entstehen. Wer sich jedoch mit dem Thema weiter beschäftigen möchte, dem sei u. a. das Kosmos Bändchen „Das Wetter in Deutschland“ von Richard Hennig von 1947 empfohlen.Betrachten wir einmal, wie das Wetter in der Vergangenheit in der Heimat war: Hennig schreibt, dass in Memel (und somit auch für das Samland gültig), da es abwechselnd im Bereich der sehr tiefen skandinavischen Tiefdruckwirbel und demjenigen des osteuropäisch-asiatischen Winterhoch liegt, Luftdruckschwankungen bis zu 78 mm (1065,1 hPa) beobachtet wurden. Barometerhöchststand von 797,8 mm am 23. Januar 1907 und einen niedrigsten Luftdruck mit 720,6 mm am 25.Dezember 1902.

Natürlich hat auch die Sonnenscheindauer ihren Einfluss auf das Wetter, genau so wie die Bewölkung. Bei starker Bewölkung im Winter wird die von der Erde nach oben strebende Wärme nicht ins All abfließen und es bleibt wärmer, während sie im Sommer die Sonnenstrahlen behindert und es bleibt kühler.

An Tiefsttemperaturen wurde in Ostpreußen gemessen:

-33,3° C am 25. Januar 1942 in Königsberg,

-36,4° am 16. Januar 1893 und 17. Januar 1940 in Treuburg.

Im Januar 1945, d.h. während der Fluchtbewegungen, hatten wir im Samland auch Temperaturen bis zu -30° C.

1934 gab es zu Weihnachten an vielen Orten in Ostpreußen u. a. wieder Himbeeren und im Ostseebad Cranz pflückte ein Schneidermeister sogar Birnen! Hennig schildert, dass er am 29. Februar 1912 in Memel über der noch völlig vereisten Haffmole bei sonnigem Wetter eine singende Lerche beobachtet habe! Auch im Winter 1936 krochen in Goldap Maikäfer aus und blühten in Ortelsburg die Kirschbäume. Im Kontrast dazu: Am 4. Juni 1918 fiel in Ostpreußen noch Schnee, wo hingegen in Königsberg am 11. Mai 1910 bereits + 28° C gemessen wurde.

Die Zahl der Tage mit Schneefall beträgt durchschnittlich in Masuren 69 Tage, das ist etwa dreimal häufiger als z. B. im Rheinland.

Die schwersten Winter zu unserer Zeit im Samland, in denen die See weit zugefroren war, gab es 1926/29, 1941/42 und 1844/45. Zu Pfingsten 1933 am 4. u. 5. Juni fiel im Samland Schnee und es gab Bodenfrost.

Fast sommerliche Temperaturen, wie wir sie zurzeit in Deutschland erleben, gab es auch schon früher von Zeit zu Zeit, wenn auch in unserer Heimat nicht ganz so warm. In der Regel war bei uns der Februar ein bitter kalter Monat, der z. B. 1929 noch Temperaturen bis – 32° brachte, wenn auch in den Jahren 1912, 1925, 1939 zu dieser Zeit Frühlingswetter herrschte.

Solche Wetter-Extravaganzen gab es schon immer und sind wohl nur aus dem Gedächtnis verschwunden. So stellte sich um den 10. Februar 1899 bereits prachtvolles Frühlingswetter ein, aber volle 6 Wochen später traten um den 24. März die kältesten Tage das ganzen Winters auf und nach dem warmen Februar 1903 erlebte man in Ostpreußen noch am 19. u. 20. April einen verhängnisvollen Schneesturm. Der kälteste April jedoch war 1929, der uns 26 Frosttage brachte.

Im Gegensatz dazu schoss der April 1934 den Vogel mit fast tropischer Wärme von der Monatsmitte an ab. Im Heft 158 (Sommer 2003) hatte ich bereits erwähnt, dass man bei uns vor Wetter-Überraschungen nie sicher war.

Nordwestwinde brachten oft noch im April große Eisschollen in die Cranzer Bucht. So herrschten in den Jahren 1850 und 1883 ganz besondere Ereignisse vor: Während im März schon die See bis vor Cranz total eisfrei war, schob der Nordwestwind Ende April eine dicke, 40 Schritt breite Eisschicht an die Küste der Cranzer Bucht und lag hier bis Mitte Mai. Ganz plötzlich machte ein starker Südostwind die gesamte Bucht in nur wenigen Stunden völlig eisfrei. Es gäbe in den Aufzeichnungen noch manches erwähnenswertes Wetterereignis, doch es sollte hier nur aufgezeigt werden, dass es schon oft Wetter-Kapriolen gegeben hat, die den derzeitigen Wetterverhältnissen völlig gleichzusetzen sind. Ich weiß nicht, ob es gut wäre, wenn wir Menschen in der Lage wären das „Wetter“, das ja das „Klima“ mitbestimmt, verändern könnten.

Wollen wir hoffen, dass sich das Wetter in diesem Jahr nicht noch von seiner schlechtesten Seite zeigt und durch starke Fröste bei uns und in der Heimat die vorwitzigen Blüten, die jetzt schon überall hervorschauen sowie die im Samland zurückgebliebenen vereinzelten Störche und Singvögel nicht ein Opfer ihre Fehlorientierung werden.

Klaus A. Lunau

 

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Stand: 10. Oktober 2003